Gesichter der Forschung 01.06.2026

«Ich bin nicht talentiert – aber ich probiere trotzdem alles»

Zwischen Sternwarten, KI-Projekten und Eistanz: Die FFHS-Forscherin Dr. Danuta Paraficz am Laboratory for Web Science (LWS) spricht über ihren eigenwilligen Werdegang, den Mut zum Scheitern – und warum sie ihr Vorbild niemals treffen möchte.

Danuta, du bist gebürtige Polin und hast neben Polen in Dänemark, Frankreich, Chile, Spanien und der Schweiz gelebt – wie kam es zu diesem internationalen Weg?
Das ist typisch für die Astrophysik. In der Wissenschaft – besonders in meinem Bereich – zieht man ständig weiter. Nach Postdocs muss man oft das Land oder die Stadt wechseln. Man kann selten bleiben. Verrückt eigentlich. Aber dadurch habe ich unglaublich viele Orte und Kulturen kennengelernt. Wenn man irgendwo wohnt, lernt man die Menschen und ihre Mentalität wirklich kennen. Man merkt, dass es viele Arten zu leben gibt – und viele davon funktionieren gut. Ich fühle mich immer noch sehr polnisch, aber nach über zwanzig Jahren unterwegs nimmt man von jedem Ort etwas mit.

Gibt es ein Land, das du besonders hervorheben würdest?
Jedes Land bot mir unvergessliche Erfahrungen. Chile war sehr beeindruckend, für Astrophysikerinnen sowieso, weil dort viele der grossen Teleskope stehen. Aber auch sonst: die Landschaft, die Menschen, die Natur. Und La Palma in Spanien war ebenfalls speziell. Dort haben wir heute sogar ein Projekt mit der FFHS.

Worum geht es bei diesem Projekt?
Es heisst «Notbot». Das ist ein KI-gestützter Chatbot für das Nordic Optical Telescope auf La Palma. Die Idee entstand eher zufällig. Ich war dort privat zu Besuch, habe mit Leuten von der Sternwarte gesprochen und sie sagten: «Wir hätten ein spannendes Projekt – aber leider kein Geld.» Dann entstand die Idee, dass FFHS-Studierende dies entwickeln könnten und so starteten wir damit.

Und inzwischen wird das System tatsächlich genutzt?
Tatsächlich wird inzwischen dieser Bot auch angewandt, also ein tolles Beispiel für Forschung, die konkrete Praxistools kreiert. Die Studierenden haben etwas entwickelt, das wirklich eingesetzt wird. Und sie bekommen dadurch Zugang zu einer professionellen Sternwarte, die normalerweise gar nicht öffentlich zugänglich ist. Vielleicht reisen wir sogar gemeinsam dorthin.

Das klingt nach einer perfekten Verbindung von Praxis und Forschung.
Genau deshalb gefällt mir die Arbeit an der FFHS so gut. Wir arbeiten an echten Problemen mit echten Anwendungen. Ich habe das Gefühl, meinen beruflichen Platz gefunden zu haben. Ich bin zwar erst seit eineinhalb Jahre an der FFHS als Forscherin tätig, bin aber sehr glücklich. Nach meiner Zeit in der Privatwirtschaft hatte ich Angst, dass ich nie mehr zurück in die akademische Welt finde.Zudem arbeite ich zum ersten Mal in einem Team, in dem Frauen ungefähr die Hälfte ausmachen. Das klingt vielleicht banal, aber für mich ist das etwas völlig Neues. Die Astrophysik ist stark männerdominiert.

Wie siehst du das Thema Gleichberechtigung in deinem Arbeits- respektive Forschungsbereich?
Das Thema beschäftigt mich stark. In der Schweiz gibt es rund dreissig Professuren in Astrophysik – und das Ergebnis patriarchaler Strukturen ist unübersehbar: Männer besetzen hier nach wie vor fast die gesamte akademische Spitze. Darüber wird nicht gern gesprochen, aber es ist Realität.

Wo hast du vorher gearbeitet?
Bei einer Energie-Trading-Firma im Tessin. Wenn man den Film «The Wolf of Wall Street» kennt – ein bisschen so war es manchmal. Sehr intensive Atmosphäre, viel Geld, viel Druck. Die Projekte waren spannend, ich habe viel über KI und Satellitendaten gelernt. Aber diese Kultur war nicht wirklich meine Welt. Für viele war Geld das einzige Ziel. Das hat nicht zu mir gepasst. Ich wollte wieder Forschung betreiben – aber Forschung mit Sinn und Anwendung.

Du arbeitest aber nicht nur an astrophysikalischen Projekten oder abstrakten Theorien.
Nein, überhaupt nicht. Wir machen zum Beispiel auch Predictive Maintenance für Solaranlagen. Dabei analysiert eine besondere KI-unterstützte Technologie Bilder von Photovoltaik-Panels und erkennt automatisch Defekte. Ausserdem arbeiten wir an Projekten mit Vogelstimmen, Robotik oder Sportdaten. Das Schöne an KI ist, dass man sie fast überall anwenden kann.

Hast du ein ganz besonderes Talent, etwas das niemand von dir weiss?
Nein, ich denke, ich bin dumm und untalentiert. (lacht) Es ist einfach so, mir fällt mein Fachbereich sehr leicht, weil mich alles so sehr interessiert. Talent an sich, nein, aber ich habe so viel Spass am Leben und probiere einfach gerne Dinge aus – vielleicht ist ja das mein Talent.

Wobei du selbst sagst, dass du gar nicht so sehr an Talent glaubst.
Ja, weil Menschen Talent oft höher bewerten als Willenskraft. Wenn jemand von Natur aus gut ist, sagen alle: «Wow, wie talentiert!» Aber wenn jemand hart arbeitet, Fehler macht und trotzdem weitermacht, wird das oft weniger bewundert. Dabei finde ich genau das viel beeindruckender.

Was wolltest du als Kind einmal werden?
Astrophysikern. Ich wollte immer Astrophysikerin werden und darum habe ich das auch gemacht. Meine Mutter brachte mir oft Physikbücher, ich habe alles aufgesogen. Und ich wollte Eiskunstläuferin werden – aber ich war immer schlechter als die anderen Mädchen. Mit vierzig dachte ich dann Midlife-Crisis-mässig: «Okay, ich habe einen tollen Partner und einen tollen Job, aber was macht mich sonst noch glücklich?» Also begann ich zu trainieren, und nun schinden wir uns zehn Stunden pro Woche mit einem professionellen Trainer auf dem Eis herum.

«Wir» bedeutet dein Partner und du?
Genau, er ist Grieche und Eis liegt ihm quasi im Blut… Nein, er hat Spass, dies mit mir zu machen und er ist ein Exemplar, das man als sportlich talentiert bezeichnen würde. Alles, was er ausprobiert, gelingt ihm sofort. Ich hingegen komme mit meinem kompetitiven Willen daher und knie mich so lange hinein, bis es klappt oder einfach nur wehtut.

Warst du denn dann auch noch in Griechenland oder wo habt ihr euch gefunden?
Wir haben uns auf La Palma kennengelernt – unter Wasser. Er war mein Tauchinstruktor.

Deine sportliche Seite hat sogar Einfluss auf deine Forschung genommen.
Über den Eiskunstlauf kam ich zu einem internationalen KI-Hackathon der International Skating Union. Gemeinsam mit FFHS-Studierenden entwickelten wir ein digitales Projekt – und gewannen tatsächlich. Als Belohnung durften wir unser Projekt im Rahmen der Olympischen Spiele von Milano-Cortina 2026 vor Ort präsentieren.

Gibt es eine historische Persönlichkeit, mit der du gerne einmal einen Kaffee trinken würdest, und wo?
Marie Skłodowska Curie. Und bitte: Skłodowska nicht vergessen. Viele sagen nur Marie Curie, aber sie war Polin. Ihre Geschichte ist unglaublich: Sie gehörte zu den ersten Frauen an der Pariser Sorbonne und war der erste Mensch überhaupt, der zwei Nobelpreise in der Wissenschaft erhielt! Diesen doppelten Erfolg in zwei völlig unterschiedlichen Naturwissenschaften – Physik und Chemie – hat bis heute kein Mann je wiederholt.

Und wo würdest du sie treffen?
Sie ist tot, also lieber gar nicht.

Schon klar, aber einfach mal ganz fiktiv – entweder kannst du oder sie in der Zeit reisen.
Wahrscheinlich wirklich gar nicht. Ich folge hier dem Leitsatz «Never meet your heroes», denn ich glaube, da ist etwas Wahres dran. Ich lasse sie lieber mein Vorbild bleiben.

Welche drei Dinge würdest du auf eine Reise zum Mond mitnehmen?
Meinen Partner, mein Handy mit Internet und … stopp, eigentlich will ich gar nie zum Mond. Das klingt vielleicht komisch für eine Astrophysikerin, aber ich liebe die Erde viel zu sehr.

Welche Farbe würde dich am besten charakterisieren?
Regenbogen. Ich antworte hierzu einfach Regenbogen.

Wenn du nur noch eine Band oder Musiker bzw. Musikerin in bis zum Lebensende hören dürftest, wer wäre das?
Mein Partner. Er singt und spielt Piano – sehr schön!

An der FFHS wird nicht nur fleissig studiert und unterrichtet. Es gibt auch vier Forschungsabteilungen, in denen viele spannende Projekte umgesetzt werden. Wer aber steht hinter der FFHS-Forschung? Wir präsentieren in einer Reihe einige der verantwortlichen Personen und zeigen, wer sie neben ihrer Forschertätigkeit sonst noch sind.

Dieses Mal war Dr. Danuta Paraficz an der Reihe.

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